Gedanken zum Umgang mit der aktuellen Situation

Ich habe das Gefühl, dass derzeit viele Menschen – auch im Kontext Schule – erfolgreich verdrängen, dass alles, was wir gerade tun, möglicherweise (bzw. fast sicher) noch 1,5 Jahre anhalten wird.
Denn es scheint nur zwei Strategien zu geben, wie wir mit der Pandemie umgehen können:

  1. Es wird ein Impfstoff gefunden und er kann relativ zeitnah nach seiner Entwicklung für alle verfügbar gemacht werden. Zeithorizont für diese Entwicklung ist wohl ~18 Monate. Dauert also noch.
  2. Eine radikale Containment-Strategie, die das Ziel hat, den Virus komplett kontrolliert im Schach zu halten und die alle Infektionsketten verfolgt und stilllegt. Davon haben wir uns in NRW gerade mit den „Lockerungen“ verabschiedet. Das wird wohl nichts mehr.

Demnach bleibt eigentlich nur Punkt 1., also das Warten auf den Impfstoff. Und das dauert. Es wird keine so genannten „Normalität“ in den nächsten 18 Monaten geben. Dieses und das kommende Schuljahr werden also unter besonderen Bedingungen laufen.
(Und ob und wie diese besonderen Bedingungen dann Teil einer Normalität nach Corona werden, wird sich zeigen. Ich glaube, ein „so wie vorher“ wird es so schnell nicht geben.)

Ich halte es daher für fahrlässig, wenn wir nun alle zwei Wochen neue Maßnahmen verkünden und dabei still und heimlich hoffen, dass es bis zur nächsten Verkündigung vielleicht alles vorbei sein wird. Wird es nicht.

Es macht jetzt Sinn, sich hinzusetzen und zu überlegen, wie eine mittel- bis langfristige Strategie aussehen könnte, um „Schule“ unter diesen besonderen Bedingungen zu gestalten. Die „Digitalisierung“ der Schulen steht ja durch den DigitalPakt eh im Fokus.

Bereits seit fünf Wochen (inkl. Osterferien) haben wir jetzt diese „besondere Situation“. Und es wäre Zeit gewesen – oder ist es jetzt erst Recht – sich mit den Problemen auseinander zu setzen, unter denen die meisten Schulen leiden.
Ich möchte zwei Ebenen unterscheiden: Die didaktische und die technische.

Didaktisch:

Die Aufgabenformate, die wir etabliert haben, basieren auf der Arbeit im Klassenzimmer. Und die einfache Übertragung in einen virtuellen Lernraum offenbart in vielen Fällen, wie unpraktisch (und anachronistisch) die sich daraus ergebenen Wege sind. Arbeitsblätter verschicken, ausdrucken, ausfüllen, einscannen (oder photographieren) und dann wieder zurück schicken, damit sie erneut ausgedruckt, korrigiert, eingescannt (oder photographiert) und verschickt werden können… Das kann es nicht sein.

Wir müssen klären, welche Aufgabenformate bzw. welche Projektformen unter den neuen Bedingungen möglich sind. Rahmenbedingung: Die Formate müssen sowohl im Präsenzunterricht in der Klasse wie auch im Remote-Lernen im virtuellen Lernraum umsetzbar sein.

Und wir müssen uns über Klausuren, Arbeiten, Notengebung und Prüfungen Gedanken machen. Wie sieht eine handhabbare Strategie aus, die in diesem und im nächsten Schuljahr umsetzbar ist? Brauchen wir eine Klausur pro Quartal? Oder drei Klassenarbeiten pro Halbjahr? Wie sieht eine „SoMi“-Note bei der Nutzung von Google Classroom, iServ etc. aus?

Technisch:

Im letzten Absatz wurde schon deutlich: Wir brauchen eine verpflichtende Lernplattform an allen Schulen. Es muss keine einheitliche sein, aber es muss Vorgaben geben, dass eine Plattform für den Austausch zwischen Lehrer_innen und Schüler_innen gegeben sein muss. Es kann und darf doch nicht sein, dass auch im Jahr 2020 noch Schulen ohne digitale Kommunikations-Infrastruktur dastehen.

Es gibt viele Lerrnplattform-Angebote, jedes Bundesland hat seine eigene Bildungs-Cloud, der Bund auch. Dann gibt es noch die freien Anbieter. Es mangelt nicht an Möglichkeiten, sondern an dem (politischen) Gestaltungswillen, gegen all die Bedenken um Datenschutz, Urheberrecht & Co. eine klare Entscheidung zu treffen.

Warum haben wir in den letzten Woche nicht unendlich Ressourcen auf LOGINEO geschmissen und es per Erlass als Austauschplattform in NRW festgesetzt und den sofortigen Zugang für alle Schüler_innen kostenfrei für die Kommunen ermöglicht? Oder – wenn das nicht geht – einen anderen Anbieter ausgewählt, der sich dazu in der Lage sieht? iServ, its-learning oder gar die Bundes-HPI-Cloud? Klar, gerade im letzten Fall würde es heftigen Gegenwind geben (→ PM von iServ), aber die aktuelle Situation ist auch nicht tragbar.

Wir haben Schulen im Land, die legen den Eltern Stapel von kopierten Arbeitsblättern in den Schulflur, sodass sich die Eltern dort bedienen können und die Arbeitsblätter später dann in den Briefkasten wieder abgeben können. Das ist ok – und ich verurteile das nicht. Es ist eine kreative und pragmatische Lösung unter den gegebenen Bedingungen.
Nur: Wenn diese Bedingungen für die nächsten 1,5 Jahre absehbar eine „Normalität“ sein werden: Sollten wir dann nicht überlegen, daran etwas zu ändern.

Statt die Schulen jetzt im Hau-Ruck Verfahren zu öffnen und sich auch (oder: vor allem?) den ökonomischen Interessen zu beugen, warum nutzen wir die Zeit bis zu den Sommerferien nicht für die Bearbeitung folgender Fragen:

  1. Welche Aufgabenformate lassen sich in physischen und virtuellen Lern-Räumen gleichwertig umsetzen? Bzw. wie können diese nebeneinander bestehen und sich gleichwertig substituieren.
  2. Wie gestalten wir die Notengebung?
  3. Wie gehen wir im nächsten Schuljahr mit den Prüfungsordnungen und Lehrplänen um?
  4. Welche Lern-Umgebung wird allen Schulen zur Verfügung gestellt?

Idee: Wir nutzen die kommenden zwei Monate, um Schulen, Lehrer_innen und Unterricht halbwegs fit zu machen für das virtuelle Lernen. Und starten dann in Ruhe und mit Konzept in das kommende Schuljahr.

Wenn die obigen Fragen geklärt sind, ist es kein Problem für das Lehr-Lern-Setting, wenn sich Phasen der Präsenz und des Online-Lernens abwechseln. Das kann sogar kurzfristig geschehen (wobei ich jetzt nur die Perspektive auf den Lehr-Lern-Prozess habe und nicht die Betreuungssituation einbeziehe!).

Maik Rieken hat sich auch darüber Gedanken gemacht. Sehr pragmatisch. Lesenswert.

Die aktuelle Situation ist einmalig. Es ist eine echte Ausnahmesituation. Und es ist wichtig, dass man zuerst einmal auf Sicht fährt. Das haben wir jetzt ein paar Wochen getan und können langsam den Kopf erheben und etwas weiter schauen. 18 Monate sind eine lange Zeit. Ich hoffe, wir nutzen unsere Kreativität, um die „Schule“ in der aktuellen Situation so zu gestalten, dass sie ihrem Bildungsauftrag gerecht wird. Dies geschieht nicht durch Abwarten und die Rückführung in eine scheinbare „Normalität“ von geöffneten Schulen, sondern indem wir realisieren, dass dies ein längerer Zustand wird und diesen gestalten.

Axel Krommer über die „palliative Didaktik“

Der folgende Text stellt den Versuch dar, den aktuellen Diskurs über zeitgemäße Bildung aus einer kulturhistorischen Perspektive zu beleuchten. Es soll zumindest in Ansätzen gezeigt werden, wie Medien als gesellschaftliche und kulturelle Formen zentrale Konzepte wie Wissen und Lernen prägen und warum Prozesse der Schulentwicklung so quälend langsam sind.

Leseempfehlung: https://axelkrommer.com/2019/04/12/paradigmen-und-palliative-didaktik-oder-wie-medien-wissen-und-lernen-praegen/

Twitter funktioniert noch

War heute auf einem Symposium und während eines Vortrages wurde ein „Herr Honegger von der Pädagogischen Hochschule Schwyz“ zitiert. Und das machte mich stutzig, weil wenn es DER Beat Döbeli Honegger ist, den ich kenne, dann passt das Zitat in der Form, wie es vorgetragen wurde, nicht. Oder meine Einschätzung von Döbeli Honegger wäre total daneben gewesen.

Der erwähnte Artikel war aus der NZZ („Mit digitalen Geräten lernen Schüler besser – und lieber„) – hinter einer Zugangssperre. Das ließ sich über Twitter klären.

Und Twitter half dann auch, das Zitat einzuordnen bzw. richtig zu stellen. Es war einfach sehr verkürzt wiedergegeben worden.

Schade für das Symposium, weil hier eine wissenschaftliche Diskussion vorschnell aufgegeben wurde.

6 Problems with our School System

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=okpg-lVWLbE

Das Facebook Abitur?

Schule zieht ihre Legitimation auch und vor allem über die Vergabe der Zertifikate: Mittlere Reife und Abitur „braucht man“. Daher strengen sich SchülerInnen mit Recht an, um optimal durch die Schule zu kommen und einen möglichst guten Abschluss zu erreichen. Denn immerhin lautet das Versprechen: Wer ein gutes Abitur hat, bekommt später auch eine gut bezahlte Arbeit.

Das war alles richtig, wenn man Schule in ihrer Geschichte betrachtet und die Zeit der Industrialisierung als Maßstab zugrunde legt. Nur: Es tut sich aktuell einiges – und alte Glaubenssätze werden auf die Waage gelegt. Und dabei wird deutlich, dass das alles nicht mehr so einfach sein wird, wie man es über Generationen gewohnt war.

Es gibt heute kaum einen Ausbildungsplatz, bei dem nicht ein Assessment vorgeschaltet ist, und immer mehr Universitäten machen Eingangsprüfungen. Warum? Offenbar traut man dem schulischen Zertifikat alleine nicht mehr. Und vielleicht sogar zu recht. Es zählt doch mehr der persönliche Eindruck oder die Kompetenzen, die ein Mensch einbringen kann, als eine gute Note in einem Abitur, das vor allem mit Stift und Papier in Einzelarbeit erworben worden ist. Was sagt das schon über Kreativität und Teamgeist einer Person aus?

Vor ein paar Wochen habe ich auch mit Guido darüber im Podcast gesprochen. Kontext damals: „Die Tesla-isierung des Bildungssystems“ (kann hier nachgehört werden). Mein Fazit war, dass in dem Moment, wo die allgemeine Schulpflicht bröckelt, das Abitur mit möglichen anderen, schul-externen Zertifikaten in Konkurrenz steht, die von Unternehmen mit großer Marktmacht angeboten werden können: Microsoft, Google oder Amazon. (Dass externe Tests – wenngleich nicht von den genannten Unternehmen – auch heute schon eine Relevanz haben, sieht man zum Beispiel am TOEFL-Test, der oft eine Voraussetzung von englischsprachigen Kursen an Universitäten ist. Mit Glück hat man ihn parallel zur Schule erworben – sonst muss man nach der Schule Extraschichten fahren).

Johnny Häusler von Spreeblick hat einen wunderbaren Einwurf über die Situation des Bildungssystems verfasst:
Digitale Bildungspolitik: Der Staat kommt seinen Aufgaben nicht nach„.

Ihr habt Angst vor Werbung? Ha. Ha. Ha.

Werbung ist das, was eure Kinder täglich zweihundertmal auf YouTube oder in kostenlosen Games wegklicken und bei den Google-Suchergebnissen überspringen. Werbung. Pah.

Was Google, Facebook, Apple und sogar Netflix und wie sie alle heißen tatsächlich tun werden, ist keine Werbung. Sondern Bildung nach ihrer Fasson. Sie werden eigene Schulen bauen, mit eigenen Lehrplänen, eigener Software und eigenen Zielen. Und Eltern, die sich darum sorgen, dass ihr Nachwuchs den Anschluss an die echte Welt verliert und zu Beamten statt zu kreativen Köpfen erzogen wird, werden mit ihren Kindern in Scharen dorthin rennen. Wenn sie es sich leisten können.

Darin unter anderem auch der Link zu den Überlegungen von Facebook, wie eine Schule aussehen könnte: Inside Facebook´s plan to build a better school„.
(Auch Apple ist dabei – über das Engagement von Laura Powell Jobs und der Steve Jobs Schulen – zum Beispiel in den Niederlanden).

Wenn diese Konkurrenz einmal geöffnet ist, sieht es schlecht aus mit einem chronisch unterfinanzierten Bildungssystem der öffentlichen Hand. Und das ist nicht nur schade, sondern kann gefährlich werden. Weil „Schule“ in ihrer gesellschaftlich-kulturellen Funktion nicht nur Zertifikate verteilt, sondern Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich macht – über Klassen und Schichten hinweg.

Daher müssen wir uns die Fragen stellen: Welche Funktion hat Schule in einer Gesellschaft unter den Bedingungen der Digitalität? Was wollen wir mit ihr? Wollen wir „Schule“ noch? Und wenn ja: wie? Und vor allem: Was sind wir bereit dafür zu zahlen?

Es ist kein Experiment, das hier vorbereitet wird. Wenn wir uns als Gesellschaft und das System „Schule“ im Speziellen sich nicht vorbereiten, droht Gefahr, dass „Schule“ überrollt wird.

Unsere „Schule“ ist kein Naturgesetz. Sie ist eine gesellschaftliche Errungenschaft und in ihrer allgemeinen Verfügbarkeit in den westlichen Ländern vielleicht 150 Jahre alt. Nichts spricht dagegen, dass sie auch in dieser allgemeinen Form wieder verschwinden könnte, um elitären Formen von Bildung Platz zu machen. (Und ob OER da alleine etwas gegen halten kann? Mhh.)

Ich weiss nicht, ob wir es nicht bereuen würden.