Empfehlung: „Prozesse der Machtbildung“

Aus aktuellem Anlass bietet es sich an, nochmal über die Entstehung von Macht nachzudenken. Wie kann es eigentlich sein, dass sich eine Minderheit mit ihren Interessen gegen die Interessen der Mehrheit durchsetzt?

„Nichts erscheint denjenigen, die sich mit den menschlichen Angelegenheiten befassen, überraschender als die Leichtigkeit, mit der die Vielen von den Wenigen beherrscht werden“.
David Hume (1711 – 1776)

Aus dem Vorwort:

Wie geschieht es, dass wenige Macht über viele gewinnen? Dass ein geringer Vorsprung, den einige erreicht haben, ausgebaut werden kann zur Macht über andere Menschen? Dass aus etwas Macht mehr Macht wird und aus mehr Macht viel Macht?

Die Schrift von H. Popitz „Prozesse der Machtbildung“ ist eine angenehm unterhaltsame Lektüre, die der Frage auf knapp 40 Seiten nachgeht und Gedankenspiele mit soziologischen Analysen kombiniert.

Das Büchlein gibt es nur im Antiquariat. Es wird leider nicht mehr aufgelegt.
Aber auf manchen Seiten wird es auch als PDF angeboten.

Digitale Medien im Lehrerzimmer

 

Protektionismus statt Freihandel?

Die Idee vom Freihandel stammt von David Ricardo im 18. Jahrhundert. Engländer…

Die Theorie der komparativen Kostenvorteile geht davon aus, dass mit zunehmender Spezialisierung die Fokussierung von einzelnen Ländern auf spezielle Produkte auch dann vorteilhaft ist, wenn sie stattdessen andere Produkte importieren müssen. Durch den Wegfall von Zöllen kann so zu einem allgemeinen Wohlstand beigetragen werden.

In der Schule thematisieren wir die Ideen von D. Ricardo im SoWi Unterricht der Oberstufe ausführlich. Erstmal erscheint das oft nur theoretisch und ohne praktischen Bezug. Hin und wieder zeigt dann aber die Geschichte, warum es doch gar nicht so doof ist, sich damit auseinander zu setzen. Ob es aber dazu führt, dass die Forderungen bei uns deshalb nicht so laut und schrill herausgerufen werden und weniger Anklang finden? Ganz im Geheimen hege ich ja diese Hoffnung, dass schulische Bildung dazu einen kleinen Beitrag leistet.

Und bevor wir jetzt auf die USA zeigen… Nicht allzu lange ist es her, dass wir das in Europa auch vehement gefordert haben: „Europa läuft in die Protektionismus-Falle“ (2009).

Twitter – was solls

Hin und wieder stelle ich mir die Frage, ob das, was ich tue, das Richtige ist. Und deshalb stehen auch die verschiedenen SocialMedia Tools periodisch immer wieder mal auf dem Prüfstand. Facebook und WhatsApp haben dem nicht standgehalten und wurden vor einigen Monaten abgeschaltet: Zu wenig „Nutzen“ für zu viel Rauschen.

Und Twitter? Hier ist die ganze Gemengelage irgendwie komplexer. Mich begleitet der Dienst immerhin seit fast 9 Jahren (#uff). Und so leicht macht man es sich da nicht.

Dennoch hab ich heute Morgen folgendes getwittert:

Ist das hier nicht irgendwie in den letzen Jahren zu einer lauten Ausmerksamkeitsschleuder verkommen? Brauchen wir Twitter noch?
— Felix Schaumburg (@schb) 15. Januar 2017

… worauf eine spannende Diskussion entstanden ist.
Einen etwas längeren Gedanken hat @blume_bob auf seinem Blog bobblume.de veröffentlicht: „Brauchen wir Twitter noch?“.

Auch wenn gerade diese Diskussion ein gutes Beispiel für den Nutzen von Twitter ist (man kommt in einen schnellen Austausch [Neuronenmetapher lässt grüßen]) bleibt bei mir ein komisches Gefühl. Warum?

Twitter war für mich in den Anfangstagen ein Segen. Ich habe mich nach der Uni an der Schule oft „alleine“ gefühlt und war froh, über den Micro-Blogging Dienst schnell Kontakte zu knüpfen, die sowohl das wissenschaftliche Denken weiter gefördert haben – aber auch neue Theoriemodelle entstehen ließen.

Drei Beispiele:
Die Diskussionen mit @filterraum und @jeanpol u.a. über Luhmann und die Systemtheorie waren großartig und energiespendend. Von @lisarosa habe ich den Leitmedienwechsel übernommen, der ja auch ein zentrales Thema meines alten Blogs geworden ist (edushift.de). Und mit @scheppler, @tommdidomm et al wurden Tipps zur „digitalen Lehrertasche“ ausgetauscht und Motivationen ausgesprochen, es nicht aufzugeben und weiter zu probieren.
Alle Strömungen sind in die EduCamps eingeflossen und haben sich so vom Digitalen bis in die kohlenstoffliche Welt vernetzt.

Und nicht nur auf den EduCamps… Auch darüber hinaus sind Freundschaften entstanden, die viele Projekte ermöglicht haben. Ob Podcasts, Kaffee & Kuchen oder Whitepaper, Urlaube am Plauer See und Edersee, die Bierproben aus dem Nürnberger Land oder diverse Konferenzen und Vorträge – alles ohne die ursprüngliche Vernetzung über Twitter kaum denkbar.

Das war eine tolle Zeit.

Nicht nur für die kleine Filterblase der Bildungsneuronen bzw. „digitalen Lehrern“, sondern generell war bei Twitterern ein utopischer Überschuss (via Schulmeister, ab Minute 22:45) vorhanden. Wenn nur alle erstmal Twittern würden und sich austauschen, diskutieren und ein Wettstreit der besten Ideen entsteht, an dem alle teilnehmen können, dann kann es doch nur besser werden. So dachten wir. Damals.

Wir haben nicht bedacht, dass es nicht das Tool war, das Twitter ausgemacht hat, sondern ein Typus von Mensch. Mit der zunehmenden Popularität des Internets und damit auch von Twitter, haben sich die Dinge geändert…

Will und kann ich Mitglied bei einem Dienst sein, der vor allem für die Aufmerksamkeitsspiralen von Trump, AfD und Brexit genutzt wird – um nur ein paar Große zu nennen (es gibt dazu unsäglich viele kleine erschreckend tendentiöse Geschehnisse, die sich täglich in den Timelines finden). Sicher kann ich stummschalten, blockieren etc. Aber ich bin und bleibe ein Teil der Millionen Nutzer, die als Referenz für die Bedeutung irgendwie doch herangezogen werden.

Auch wenn meine Timeline relativ gesittet ist (jeder ist seiner eigenen Timeline Schmied…), so bleibt ein mulmiges Gefühl.


Eine zweite Ebene ist das Verhältnis von Zeit und Nutzen. Früher – ich weiß aktuell nicht, ob ich dies an einem Jahr festmachen könnte – habe ich von Twitter direkt profitiert. Nicht rein utilitaristisch als Kosten-Nutzen-Ergebnis, sondern als erfrischendes Element im Alltag. Wie oben ja schon in dem kurzen Rückblick angedeutet, sind aus Twitter heraus und um Twitter herum einige wunderbare Dinge entstanden.

Und in den letzten Jahren? Zunehmend weniger. Twitter ist vor allem noch Ablenkung und Zerstreuung. Und – positiv – ein Prozess der Beobachtung, wie sich Ideen nach und nach durchsetzen, von anderen rezipiert und neu gedacht werden und emergieren.

Aber vollends zufrieden bin ich mit Zeit/Nutzen nicht mehr.

Wenn ich die Stunden, die im Laufe eines Monats in Twitter landen, zum Lesen und Bloggen nutzen würde, wäre das nicht angebrachter (Danke für dem Impuls via DM, @friederk)?. Und wenn nicht nur ich das machen würde, sondern das Bloggen bei vielen Anderen wieder etwas mehr in den Fokus rücken würde? Wenn wir wieder Gedanken formulieren würden, Praxis reflektieren, Geschichten erzählen, Bastelabende dokumentieren… Das ist doch viel nachhaltiger und spannender als sich wieder und wieder über einen Tweet von populistischen Aufmerksamkeitsmagneten mit Persönlichkeitspathologie aufzuregen.

Twitter muss auch gar nicht weg gehen. Es ist die Frage, wie ich es nutze. Und welche Hoffnungen ich hinein projiziere. Und gerade letzte muss ich wohl korrigieren.

EN: Dokumente zwischen Notizen verschieben

Dokumente zwischen Notizen hin und her zu kopieren war nicht einfach, geht jetzt aber.

Ein Hindernis bei der Nutzung von Evernote auf den mobilen Geräten war für mich immer, dass man Dateien, die einer Notiz hinzugefügt worden sind (PDF, Word, was auch immer) nicht so einfach wie am Desktop hin- und her kopieren konnte.

Am Desktop kann man Text und Datei auswählen, kopieren und in einer anderen Notiz hinzufügen. Auf dem iOS Gerät geht dabei die Datei verloren; nur der Text wird eingesetzt.

Das nervte mich immer.

Geholfen habe ich mir bisher, indem ich auf Programme wie MengeEver2 oder EverCrane zurückgegriffen habe. Damit konnte man Dateien kopieren bzw. auch mobil Notizen (mit Anhängen) zusammenfügen.

Mit einem der letzten Updates (?) der mobilen App wurde die Dokumentenauswahl hinzugefügt. Darüber kann man nun Dokumente aus der iCloud oder der Dropbox in Evernote hinzufügen.

Und damit endlich auch Dateien zwischen Notizen hin- und her kopieren. Denn wenn ich eine Datei öffne, kann ich sie über das Sharing-Menu auf einen der Cloud-Speicher laden und in einer anderen Notiz über den Cloud-Speicher wieder importieren.

Vielleicht für einige altes Eisen – ich hab´s erst vor kürzlich entdeckt und war erleichtert :).

Schule wird digital

Die Frage des Digitalen im Zusammenhang mit dem Konzept „Schule“ steht mal wieder in der Diskussion. Die Fördermittel zur Aufwertung der digitalen Infrastruktur haben die alten Kritiker auf den Plan gerufen. Wir finden in den Zeitschriften on- wie offline ihre Erörterungen, ob digitale Schulen gut seien oder nicht. Dies ist oft ein Gespräch mit therapeutischem Charakter für jene, deren Reputation und Erfahrungswelt noch in einer papiernen Welt liegen und die mit „dem Internet“ auch noch nicht warm geworden sind.

Dabei verkennt die Diskussion, dass die Digitalisierung kein isoliertes Phänomen ist, das als Hype an der Schule vorbei ziehen könnte. Mit der Digitalisierung ist ein neues dominantes Leitmedium aufgezogen, das die meisten (alle) gesellschaftlichen Prozesse umwälzen, verändern wird. So wie das gedruckte Buch die Renaissance und Industrialisierung vorbereitete, so liegen im digitalen Medium die Antworten versteckt, die uns die globalisierte Welt mit globalisierten Problemen stellt.

Daher stellt sich die Frage nach der Digitalisierung der Schule nicht. Sie wird kommen. Die Frage ist nur, wie.

Zur Schule

Schule ist ein Produkt der Buchkultur. Sie ist eng mit den gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden, die mit der Erfindung des Buchdrucks einhergingen. Ich werde dies hier jetzt nicht ausführen, sondern verweise auf den obigen und diesen Artikel.

Wichtig ist festzuhalten, dass ohne das Buch und seine „massenhafte“ Reproduktionsmöglichkeit wahrscheinlich keine Notwendigkeit bestanden hätte, eine verbindliche, einheitliche Schule zu gründen, die das Lesen und Schreiben lehrt und zu einer annähernd ähnliche Interpretation der Inhalte in den gesellschaftlichen Diskussionen führt. Schule spielt in diesem Zusammenhang nicht nur für die Aufklärung eine entscheidende Rolle, sondern ist auch eine Grundlage für demokratische, partizipative Gesellschaften, in denen alle Menschen befähigt sein sollen, an den öffentlichen Diskursen teilzunehmen.

Schule in einer Gesellschaft zu entwickeln, in der das Buch eine dominante Rolle für den Wissenstransfer spielt, führt zwangsweise dazu, dass das Buch eine elementare Rolle in der Schule einnimmt. Schulbücher und Schulbibliotheken sind ein Kennzeichen dieser Entwicklung. Und da Bücher trotz aller Verbreitung ein knappes und teures Gut waren, wird in ihnen gemeinsam gearbeitet und gelesen werden – wodurch die Struktur von „Klassen“ und „Jahrgangsstufen“ bedingt ist.

Lernen ist heute aber nicht mehr an die Verfügbarkeit eines Buches gebunden. Mit einem Smartphone in der Hosentasche steht einem die größte Bibliothek der Welt zur Verfügung: Das „Internet“. Was bedeutet das?

Wenn Schule eine Erfindung des Buchzeitalters ist, um für eine breite Verfügbarmachung von Wissen zu sorgen, dann müssen wir mit dem in diesen Belangen überlegenen Internet die Funktion von Schule in Frage stellen. Ich brauche heute keine Bibliothek mehr, um Texte zu lesen, Dinge zu lernen, Kontexte zu bilden.

Indonesisch lernen? Das Auto reparieren? Hemden falten? Rosen schneiden? Für alles finden sich „in der Hosentasche“ Tipps, Ratschläge, Hintergründe und Erklärungen.

„Früher“ konsultierte man bei Problemen seinen sozialen Bezugsraum oder eine Bibliothek. Beides war in vor-digitalen Zeiten effektiv und zielführend. Heute erscheint der soziale Raum viel zu limitierend für individuelle Probleme (wer hat schon für alle Fragen einen Fachmann im Bekanntenkreis?) und die Bibliothek zu aufwändig. Im Internet ist schnell und überall verfügbar. Unschlagbar – und eigentlich ein ideales Lern-Medium, oder?

Digitale Schule oder Digitalisierte Schule?

Die „Schule“ kann auf das digitale Leitmedium auf zwei Arten reagieren:

A. Digitalisierung als Add-on

Hier bleiben die bestehenden Strukturen erhalten: Klassen, Stufen, Abschlüsse, zentrale Vorgaben, Prüfungen, Meßbarkeit. Allerdings ergeben sich durch die digitalisierten Tools neue Möglichkeiten im Arbeiten und vor allem Messen.

→ Die Digitalisierung als Add-on macht Schule nicht anders, sondern vor allem effektiver.

B. Eine digitalisierte Schule

Mit dem Digitalen ergeben sich neue Möglichkeiten der Individualisierung, der Kommunikation, des Lernens an sich. Das Lernen wird offener, selbstverantwortlicher, riskanter. Es ist weniger kontrollierbar, eröffnet mehr eigene Wege und Lösungen und fördert insgesamt die „Kreativität“. Aber: man kann weniger quantifizieren, was heute ja ein wesentliches Element von Schulorganisation und -verwaltung ist.

→ Die Digitale Schule schafft neue Möglichkeiten, fordert aber auch eine gesellschaftliche Neudefinition.

Demnach geht A. mit der bisherigen Schule. Macht man ja auch schon so. B. erfordert dagegen ein neues Mindset und einen neuen Begriff von „Schule“. Ihre gesellschaftliche Funktion muss im Digitalen neu formuliert werden. Allein die Begründung über die generationale Wissensvermittlung bei gegebenen knappen Ressourcen (Bücher) reicht nicht mehr aus.

Damit ändert sich ein anderer wesentlicher Bestandteil: Das Rollenmodell „Lehrer“ wird fundamental in Frage gestellt, was in der Personalpolitik zu einer großen Herausforderung werden wird…

Georg Rückriem hat in dem Vorwort des Buches „Lernen und Lerntätigkeit“ folgendes treffend formuliert:

„[…]das bedeutet, dass die Informationsgesellschaft keine Lernkultur mehr hat, sondern eine Lernkultur ist: Sie ist eine Kultur des Lernens.“

Bei der Digitalisierung von Schule geht es also im Eigentlichen nicht nur um eine Digitalisierung bestehender Prozesse, sondern um einen Kulturwandel und damit eine Neudefinition vom gesellschaftlich-kulturellen Lernen in einem System, das wir „Schule“ nennen.

Sollte Schule also nur digitalisiert werden, kann es gefährlich für sie werden. Sie muss sich im Digitalen neu denken, um ihrer wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe gerecht zu werden. Schule ist nämlich eine im eigentlichen Sinne ‘gute’ Antwort auf die Frage der generationalen Wissensvermittlung und zur Sicherung der gesellschaftliche Teilhabe. Sie ist als Konzept erhaltenswert!

Hinsichtlich der derzeitigen Fördermittel zum Aufbau der digitalen Infrastruktur kann man nur sagen: Machen! Wir brauchen digitale Infrastruktur überall im Land, also auch an der Schulen. Wo man da beginnt, ist im Grunde egal. Schulen machen aber was her.

Ob WLAN und Glasfaser dann zu einer besseren Schule führen? Das wird nicht über die Fördergelder entschieden, sondern ist eine gesellschaftliche Frage. Sicher ist aber, dass es ohne WLAN und Glasfaser in Zukunft nichts mehr wird mit dem „Bezug zur Lebenswelt“… Eine Schule ohne Internet wird an Bedeutung verlieren.

Kaffee und WLAN in Wuppertal…

Früher hat man sich gelegentlich in ein Café zurückgezogen, um zu arbeiten oder Dinge zu besprechen. Hab ich in den letzten Jahren allerdings weit weniger häufig gemacht und damit wohl die Entwicklung verpasst…

Die Anzahl der Kaffees, in denen man sich mal zurückziehen kann zum mal “woanders” arbeiten, ist stark zurück gegangen (Kaffeehaus? Thalia? Island?). StarBucks und ExtraBlatt mag ich nicht, auch die laden mich nicht ein.

Aber: Wir haben ja den Hutmacher im Mirker Bahnhof.

Also in Zukunft öfter mal dort.

Medienausstattung und Fortbildungen

Fast wie das Henne – Ei Problem finden wir in vielen Diskussion über die Einführung von „neuen“ Technologien an der Schule die Frage:
Wie verhält es sich mit der Fortbildung und der Medienausstattung? Geht das nur Hand in Hand – oder muss zuerst der Einsatz geklärt und fortgebildet sein, bevor die Geräte angeschafft werden?

Oft hört man dann: „Keine Geräte ohne Fortbildung.“ Was erstmal plausibel klingt und Zustimmung erhält, funktioniert auf den zweiten Blick nicht mehr richtig. Leider ist das nämlich mit dem Internet und der Digitalisierung etwas anders. Das „Internet“ kann man nicht nur fortbilden, sondern man muss es erleben. Man muss mit und in den digitalen Welten leben und sie für sich selber entdecken. Das Internet ist nicht nur ein besseres Buch oder ein besserer Füller: Es ist ein gänzlich neues Medium mit neuen Möglichkeiten1. Und wenn man auf einem Workshop bei Lisa Rosa das Bloggen lernt, dann muss man es in der Schule auch einsetzen können – ohne besonderes Arrangement.

These: Medienbildung an Schulen ohne Geräte, ohne schnelles Internet und das überall ist wie Schwimmen lernen ohne Schwimmbad.

Ich verstehe nicht, warum immer wieder die Forderung aufkommt, dass man die Lehrenden doch zuerst (oder zumindest sofort) fortbilden müsse, damit sie die Technologien auch sinnvoll im Unterricht einsetzen können. Lernen wir auch schon Laufen, bevor wir die ersten Schritte tun?

Nein, wir lernen es, indem wir es tun. Und dazu gehört hinfallen, neu probieren und es irgendwann halbwegs auf die Reihe bekommen. Und daher muss die Infrastruktur an den Schulen zuerst einmal geschaffen werden. WLAN überall, digitale Verwaltungsabläufe, interne Kommunikation, Absprachen, Stundenpläne, drahtloses Drucken und Kopieren, BYOD, schnelles Netz.

Wenn das steht und läuft und die Lehrenden es als „Normalität“ erleben, werden sie es auch viel selbstverständlicher in ihrem Unterricht einsetzen.

Deshalb bitte die Infrastruktur fördern und dann, im nächsten Atemzug, die Möglichkeiten durch erlebte Praxis (aka „FoBi“) aufzeigen. Das darf nicht vergessen werden, ist aber auch selbstverständlich. Wenn dann das Schwimmbad da ist, können sich alle in ihrem eigenen Tempo an das Wasser gewöhnen. Ohne Schwimmbad bringt es nichts, wenn ich den Menschen das Schwimmen beibringe.

Man könnte einwenden: Zuerst die Technik anschaffen, dann erst fortbilden. Das haben wir vor Jahren doch auch schon gemacht. Und nun steht die Technik unbenutzt und unbrauchbar im Keller. Wer schützt uns vor einer neuen Fehlinvestition?

Das kann wieder passieren. Klar. Allerdings glaube ich, dass wir in einer anderen Zeit leben, als noch vor 5–10 Jahren. Der technologische Fortschritt schreitet weiter voran, und viele Technologien sind inzwischen so ausgebaut, dass sie als „stabil“ gelten können. Unsere Rechner heute sind oft mehr als 6 Jahre alt – und funktionieren hervorragend. Das hätte es vor 5 Jahre noch nicht gegeben. Auch das WLAN ist mit dem 802.11n Standard inzwischen so weit, dass es wahrscheinlich auch in 6 Jahren noch laufen wird – bis die Geräte eh abgeschrieben sind. Es ist also heute weit weniger ein Risiko, auf eine Technologie zu setzen, als noch vor ein paar Jahren. Die Produkte werden alle über ihre gesamte Nutzungszeit ausreichend schnell genug sein und nicht vorher veralten.

Daher: Mut bei der Medienausstattung der Schulen. Wir sollten ein Umfeld schaffen, damit der Medieneinsatz zuerst bei den Lehrenden Normalität werden kann. Wahrscheinlich schaffen wir es nur so, dass auch die Digitalisierung in der Schule irgendwie so etwas wie „normal“ und alltäglich wird.

Oder liege ich da falsch?

Förderprogramme in Bund und Land: Eine Chance

Aktuell sprießen – sicherlich nicht zuletzt aufgrund der anstehenden Wahlen – die Förderprogramme für Schulen nur so aus dem Boden. Große Programme wären zum Beispiel:

  • Gute Schule 2020 der Landesregierung NRW:
    → 2 Mrd. Euro für „Infrastruktur“ an Schulen bis 2020
  • Digitalpakt#D des Bundes:
    → Frau Wanka kündigt an, in den nächsten 5 Jahren 5 Mrd. Euro für „WLAN und Computer“ bereitstellen zu wollen (am Kooperationsverbot vorbei).
  • Breitbandinitiative der Bundesregierung
    → Ausbau von Breitband (Glasfaser) vornehmlich in Industriegebieten – aber auch unter Berücksichtigung von Schulen; flankiert von einer kooperierenden Förderung des Landes NRW.

Und aus der Lehrerschaft und assoziierten Berufen gibt es auch erste Kommentare: „Die Kinder spielen schon genug an den Handys. Wir haben andere Probleme.“ – „Vergesst die Fortbildungen nicht!“ – „An der Lenrkultur ändert sich so doch eh nichts“ – „Oh super! – Wir wollen für unsere Schulen SmartBoards/iPads/XYZ anschaffen“.

Wahrlich erstaunt hat mich die Aussage von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Besser wäre es, das Geld in die Schulbibliotheken zu stecken“ […] “Gerade sozial schwache Schüler müssen lesen, lesen, lesen – und zwar das gedruckte Wort.“ (Quelle: SpOn & mobilegeeks.de). Das meint der doch nicht ernst, oder?

Ein anderer gern gezogener Vergleich ist der von maroden Toiletten, undichten Dächern und tristen Schulhöfen gegen Internetversorgung und Medienausstattung. Brauchen wir nicht erstmal funktionierende Gebäude, bevor wir uns um so Luxus-Zeug wir Internet kümmern? (Lenkt doch eh nur vom richtigen Lernen ab, oder Herr Kraus?)

Keine Frage, es gibt Nachholbedarf. Ja. Hier stehen die Schulträger auch in ihrer Pflicht – und freuen sich über finanzielle Unterstützung, da die klammen Kassen der Kommunen oft nur das Nötigste zulassen.

Aber Toiletten und Glasfaser gegeneinander aufzurechnen, ist nicht gut. Im Falle des DigitalPakt#D ist es sogar inhaltlich daneben:

Wir haben ein Kooperationsverbot in der Bildungspolitik, das dem Bund untersagt, finanzielle oder inhaltliche Vorgaben für die Bildungspolitik der Länder zu machen. Offenbar möchte der Bund mit der von Wanka vorgestellten Initiative eine Lücke nutzen, und mit den 5 Mrd. Euro gezielt technische Ausstattung an den Schulen fördern: WLAN und Computer. Im Gegenzug sollen die Schulen passende Schulprogramme und Medienkonzepte vorlegen. Ich finde, dagegen ist nichts einzuwenden. Die Renovierung von Toiletten oder der Bau von Mensen kann vom Bund nicht gefördert werden. Daher kann man das fehlende Engagement an dieser Stelle auch nicht kritisieren. Entweder technische Ausstattung oder kein Geld.

Etwas anders sieht es in NRW aus. Hier wird mit dem Gesetzesentwurf zum Programm „Gute Schule 2020“ die „Infrastruktur“ an Schulen gefördert – und dabei wohl ganz bewusst offen gelassen, was genau Infrastruktur ist und wie sich die Mittel verteilen. Es ist nur deutlich, dass die gesamte „Lern-Infrastruktur“ gemeint ist, also Räumlichkeiten UND Medien (an einer Stelle auch explizit Breitband & Glasfaser). Hier liegt es also in der Verantwortung der Kommunen, das Geld a) abzurufen und b) so zu verteilen, dass neben anstehenden/nötigen Bauprojekten auch die Anbindung der Schulen angegangen wird. Toiletten und Dächer haben ohne Zweifel eine hohe Wichtigkeit, allerdings darf die digitale Infrastruktur nicht hinten runter fallen. Ihre Wichtigkeit steigt mit der Zeit und wird bald ein entscheidendes Standort-Kriterium (wenn es das global nicht schon ist).

Ach… Ich bin die Klagen und Bedenken leid.

Endlich tut sich mal was nach langen Jahren der Forderungen, die Infrastruktur an Schulen anzugehen. Endlich wird Geld in die Hand genommen. Endlich ergeben sich die Perspektiven, Schulen entsprechend ihrer anspruchsvollen Aufgabe an die digitale Gesellschaft anzuschließen. 

Lasst uns dies bitte nicht in Bedenken ertränken, sondern nutzen. Ich würde mir wünschen, in 5 Jahren keine Schule mehr besuchen zu müssen, die über einen 16k-DSL-T@school Leitung im Internet „surft“… Schulen brauchen zukünftig Glasfaser. Punkt. Und mit den Förderprogrammen haben wir dafür eine realistische Perspektive; wenn wir es richtig nutzen.


Nebenbei:
Der DigitalPakt#D ist bisher eine reine Absichtsbekundung, die in der nächsten Legislaturperiode angegangen werden könnte… Also ziemlich offen. 
Das Programm Gute Schule 2020 ist auch noch nicht beschlossen, sondern liegt als Gesetzentwurf vor. Hier sieht es allerdings so aus, als wenn die Umsetzung nur noch eine Frage der Zeit ist.