Autor: schb

Wo bleibt die gemeinsame Wirklichkeit

In der letzten Folge von „Die neuen Zwanziger“ (die im Übrigen generell eine Empfehlung ist) fiel in einem Nebensatz folgender Gedanke mit Verweis auf die „Gutenberg-Paranthese“ (→ Wikipedia):

Sloterdijk: Es gibt nichts, was so zivilisierend und domestizierend wirkt, wie die Tatsache, dass Menschen vor einem bedruckten Blatt Papier ruhig halten und sozusagen den Anblick der Welt durch den Anblick der gedruckten Buchseite ersetzen.

Und ich finde, das ist die eigentliche Kultivierung des Menschen. Wenn der Mensch zum Leser wird, dann ist im Grunde das Schlimmste schon überstanden.

Schulz: […] Wir stürzen gerade zurück ins Mittelalter, indem wir uns Sachen zurufen, eine Meinung haben. Aber die gilt nur für jetzt gerade – morgen ist es schon wieder anders.

Quelle: https://youtu.be/Kp40nE3VzNY?si=XpL-Pv7UL1t0zwCd&t=16460

Weil ich diese These des Leitmedienwechsels selbst gerne in Vorträgen, Seminaren etc. aufgreife, musste ich gedanklich kurz stehen bleiben… Technischer Fortschritt ist nicht automatisch gesellschaftlicher Fortschritt. Ok. Aber wie verbinden wir das in die Überlegungen rund um den Leitmedienwechsel, den Lisa Rosa u.a. hier oder hier formuliert? Und was hat das Mittelalter hier zu suchen?

Für mich hat die Frage nach der gesellschaftlichen Wirkung technischer Innovationen in den letzten Wochen wieder eine größere Aufmerksamkeit erhalten – angetrieben durch die Debatten um KI, das zunehmend schwer zu fassende Problem im Umgang mit Social Media in verschiedenen Bereichen gesellschaftlichen Handelns, die Beobachtungen hinsichtlich Konzentration und Begeisterungsfähigkeit in schulischen Kontexten und vor allem die Aushöhlung demokratischer Grundprinzipien.

Für den Gedanken zum technischen Fortschritt ist es vielleicht hilfreich, wenn man ihn auf die vergangenen Medienumbrüche anwendet. Haben sie gesellschaftlichen Fortschritt gebracht? Ja. Meistens. Aber: Es waren weniger die Technologien selbst, die Gesellschaften veränderten, sondern die Denk- und Kommunikationsformen, die sie hervorbrachten.

Welche Bedeutung haben diese sich ändernden Strukturen in der Kommunikation, der Generierung von Öffentlichkeit und den damit einhergehenden Diskursen für die Grundlagen einer Gesellschaft, die sich demokratisch entwickelt hat?

Ein Gedanke:

Die Moderne war nicht nur das Zeitalter der Demokratie, des Rechtsstaats oder der Wissenschaft. Sie war auch das Zeitalter des Buches. Das Buch war weit mehr als ein Speichermedium für Informationen. Es prägte eine bestimmte Art, die Welt zu verstehen. Das Buch als Leitmedium des auslaufenden Zeitalters.

Wer liest, folgt fremden Gedanken über längere Zeiträume. Wer liest, übt sich darin, Argumentationen nachzuvollziehen, Widersprüche auszuhalten, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten, sich in Empathie zu üben und Sinn zu suchen. Das Buch verlangt Konzentration, Geduld und die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das nicht den eigenen Gedanken entsprungen ist.

Sind diese Eigenschaften, die am Buch haften, vielleicht eine notwendige Bedingung für eine demokratische Gesellschaft? Hat die Buchkultur die Demokratie hervorgebracht, weil sie Menschen klüger machte (Bildungsexpansion) – oder weil sie Stukturen hervorbrachte, die langsames (Nach-)Denken förderten?

Zeitungen, Parlamente, Universitäten, Wissenschaften – all diese Institutionen entstanden in einer Kultur, die auf Schriftlichkeit, Linearität, Nachvollziehbarkeit und Kritik beruhte. Die große Leistung der Buchkultur bestand möglicherweise nicht darin, Vernunft zu erzeugen, sondern darin, Vernunft gesellschaftlich organisierbar zu machen (vgl. Rückriem).

Dadurch entstand etwas, das für uns heute selbstverständlich wirkt, historisch aber neu war: ein gemeinsamer Diskursraum im gesamten Sprachraum, der über die gedruckten Werke innerhalb kürzester Zeit bespielt werden konnte. Menschen stritten wie früher über Politik, Religion oder Wissenschaft. Aber sie stritten über dieselben Themen. Sie bezogen sich auf dieselben Ereignisse, dieselben Texte und damit auf eine annähernd ähnliche Wirklichkeit.

Demokratie benötigt keine Einigkeit. Sie lebt vom Streit. Doch sie benötigt eine gemeinsame „Bühne“, auf der dieser Streit sachlich und argumentativ ausgetragen werden kann. Und genau hier wird der neue digitale Leitmedienwechsel interessant – vor allem durch Social Media und die Steroid-Spritze namens KI.

Digitale Netzwerke und soziale Medien verbinden Menschen in einem globalen Ausmaß. Gleichzeitig zerlegen sie Öffentlichkeit in zahllose Teilöffentlichkeiten. Algorithmen sortieren Informationen für jeden individuell. Relevanz wird personalisiert. Aufmerksamkeit wird zur zentralen Währung. Das Ergebnis: Die zunehmende Vernetzung aller Menschen verringert gleichzeitig die erlebte gemeinsame Wirklichkeit. Zumindest derzeit.

Menschen haben selbstverständlich schon immer unterschiedliche Meinungen vertreten. Neu ist, dass sie zunehmend unterschiedliche „Filterblasen“ bewohnen und gar nicht mehr über denselben Gegenstand – über die gleiche Sachlage – sprechen.

Hier passt vielleicht das Bild aus dem Mittelalter von Schulze (siehe oben): Das Mittelalter war nicht deshalb vormodern, weil die Menschen weniger intelligent gewesen wären (nein, es liegen nur 20 Generationen zwischen uns – ein Wimpernschlag menschlicher Evolution). Es war auch keine Zeit mangelnden Wissens. Vielmehr existierten viele lokale, religiöse und ständische Wahrheitsräume nebeneinander. Aber es gab – außerhalb der Kirche – keinen gesellschaftsweiten Mechanismus, die „Wahrheit“ öffentlich auszuhandeln. Erst die Moderne schuf einen solchen Mechanismus.

Und nun? Was geschieht, wenn dieser Mechanismus wieder schwächer wird? Wenn wir keine gemeinsamen Diskursräume mehr teilen? Wenn wir zunehmend emotionalisierter diskutieren? Wenn wir nicht mehr von den gleichen Dingen sprechen?
Was ist, wenn Demokratie womöglich weniger gemeinsame Werte voraussetzt als eine gemeinsame Wirklichkeit? Über Werte kann gestritten werden. Über politische Ziele ebenfalls. Demokratie ist dafür geschaffen. Doch wenn Bürger:innen nicht mehr dieselben Tatsachen, dieselben Ereignisse oder dieselben Quellen anerkennen, wird demokratische Verständigung schwierig. Nicht unmöglich, aber schwieriger.
Die eigentliche Herausforderung des digitalen Zeitalters besteht dann nicht in der Entwicklung immer leistungsfähigerer Technologien. Wir sollten uns eher auf die Suche begeben, gemeinsame Urteilsbildung zu ermöglichen.

Wissenschaft, Aufklärung und Demokratie entstanden nicht zum Zeitpunkt der Erfindung des Buchdrucks. Sie sind das Ergebnis der folgenden Entwicklung. Künstliche Intelligenz und soziale Netzwerke sind zweifellos technische Fortschritte. Ob sie auch gesellschaftlichen Fortschritt hervorbringen, hängt jedoch von einer anderen Frage ab: Welches Äquivalent zum gemeinsamen Diskursraum des Buchzeitalters entsteht im Zeitalter algorithmischer Vernetzung?

Noch sehe ich darauf keine wirkliche Antwort. Twitter war für einen kurzen Moment der Geschichte ein digitaler Marktplatz, eine digitale Agora. Aber das trug nicht…

Solange es keine Antwort gibt, bleibt zumindest die Möglichkeit bestehen, dass der technische Fortschritt schneller voranschreitet, als die gesellschaftliche Fähigkeit, ihn in stabile demokratische Strukturen zu übersetzen. Keine schöne Perspektive.

„Heimat“ und Beschleunigung

Ich stelle mir öfter die Frage, welche Verbindungen jene, die in den letzten Jahren hierher gezogen sind (es gibt nur noch wenige, die hier aufgewachsen sind) zur Natur, den Orten oder den Namen haben.

Dazu ist mir gerade ein Gedanke von H. Rosa in den Gehörgang gerutscht, den ich interessant finde. Es ging darum, warum es heute weniger „Flaneure“ gibt, die die Landschaft einfach aufnehmen und sich treiben lassen.

Wir haben alles, was „gedauert“ hat, beschleunigt. Und das beutetet, wir haben die Zwischenphasen ausgeblendet und verschließen uns. Das gilt für Raum und Zeit.

Also für Raum insofern, als wir den Raum nicht mehr als ganze Fläche erschließen. Denk an Kinder, wie die ihr Zimmer und dann vielleicht die Wohnung und später auch den Garten, wenn es einen gibt, erkunden – eigentlich in der Ganzheit, alles Erkundschaften – im Sinne von den Auskundschaften.

Und so ist es vielleicht auch mit den Wohnort, in dem Menschen aufwachsen. Den lernen sie in der Regel noch genau so kennen.

Deshalb hat Heimat so eine Aufladung: Jeder Baum hat eine Geschichte und der Bach und der Stein und die Brücke und was immer das sein mag.

Aber später, wenn du dreimal umgezogen bist, interessiert dich das eigentlich gar nicht mehr. Du weißt irgendwie, okay, so komme ich zu meiner Arbeitsstelle, hier zur Schule das Kinder vielleicht zum Arzt, da gehts ins Fitnessstudio. Aber das dazwischen nimmst du gar nicht mehr wahr.

Das ist ein räumliches Ausblenden, was halt auch zeitlichem Ausblenden zusammenhängt. Es gibt nicht mehr diese langen Zwischenphasen, in denen Leerräume entstehen. Ich glaube, dieses zielstrebige bewirtschaften von Raum und Zeit unter den Steigerungsimperativen des Kapitalismus haben dazu geführt, dass wir geschlossenere Wesen geworden sind.

[zitiert nach dem Podcast „Hotel Matze“ mit kleinen Anpassungen zur Lesbarkeit]

Quelle: https://overcast.fm/+p2mnr5Wgs/28:09

Mein Internet

Das Web 2.0 war meine Sozialisation mit dem Internet. Ich kannte Mailboxen, hab mich im MagicVillage eingewählt, ich kannte frühe Webseiten, die mit Mosaic dargestellt werden konnten. Aber richtig los ging es mit Blogs und Wikis. Das war eine wunderbare Zeit, in der wirklich Menschen miteinander in Austausch kamen, die sich bis dato nicht kannten und sich in ihren Nischen auch wahrscheinlich kohlenstofflich kaum über den Weg gelaufen wären.

Aber die Entwicklung der letzten Jahre ließ mich entfremden. Wir müssen das hier nicht weiter vertiefen. Kurz: Es ist nicht das soziale am Netz, sondern die Algorithmen und die Plattformisierung.

Netzpolitik hat heute darüber geschrieben: Das Internet stirbt

Bei der Ökonomisierung menschlicher Aufmerksamkeit ist es ziemlich egal, mit welcher Art von Beiträgen diese erzeugt wird. Und so schlecht eine Content-Form auch sein mag: Wenn Tausende solcher Videos hochgeladen werden, stehen die Chancen nicht schlecht, dass zumindest eines der Videos viral geht – selbst dann, wenn es inkohärente Geschichten mit KI-Obst in den Hauptrollen sind. Und je mehr Content es gibt, desto mehr Content kann konsumiert werden und desto mehr Profitoptionen ergeben sich für die Betreiber.

[…]

Soziale Medien sollten – zumindest aus Nutzer:innenperspektive – ursprünglich ein Ort sein, an dem wir mit unseren Freund:innen in Kontakt bleiben können. Doch ihre Accounts nehmen wir kaum noch wahr.

Vor ein paar Tagen fragte ich im Fediverse, warum ich überhaupt noch Domains „besitze“. Dahinter steht auch der Gedanke, ob ich überhaupt noch Teil dieser „Kultur“ sein möchte. Und wenn doch, wie ich den Umgang damit gestalte. Es ist und bleibt eine Frage ohne Antwort. Hast Du eine? 😉

Die Sonne scheint.

Off.