„Heimat“ und Beschleunigung

Ich stelle mir öfter die Frage, welche Verbindungen jene, die in den letzten Jahren hierher gezogen sind (es gibt nur noch wenige, die hier aufgewachsen sind) zur Natur, den Orten oder den Namen haben.

Dazu ist mir gerade ein Gedanke von H. Rosa in den Gehörgang gerutscht, den ich interessant finde. Es ging darum, warum es heute weniger „Flaneure“ gibt, die die Landschaft einfach aufnehmen und sich treiben lassen.

Wir haben alles, was „gedauert“ hat, beschleunigt. Und das beutetet, wir haben die Zwischenphasen ausgeblendet und verschließen uns. Das gilt für Raum und Zeit.

Also für Raum insofern, als wir den Raum nicht mehr als ganze Fläche erschließen. Denk an Kinder, wie die ihr Zimmer und dann vielleicht die Wohnung und später auch den Garten, wenn es einen gibt, erkunden – eigentlich in der Ganzheit, alles Erkundschaften – im Sinne von den Auskundschaften.

Und so ist es vielleicht auch mit den Wohnort, in dem Menschen aufwachsen. Den lernen sie in der Regel noch genau so kennen.

Deshalb hat Heimat so eine Aufladung: Jeder Baum hat eine Geschichte und der Bach und der Stein und die Brücke und was immer das sein mag.

Aber später, wenn du dreimal umgezogen bist, interessiert dich das eigentlich gar nicht mehr. Du weißt irgendwie, okay, so komme ich zu meiner Arbeitsstelle, hier zur Schule das Kinder vielleicht zum Arzt, da gehts ins Fitnessstudio. Aber das dazwischen nimmst du gar nicht mehr wahr.

Das ist ein räumliches Ausblenden, was halt auch zeitlichem Ausblenden zusammenhängt. Es gibt nicht mehr diese langen Zwischenphasen, in denen Leerräume entstehen. Ich glaube, dieses zielstrebige bewirtschaften von Raum und Zeit unter den Steigerungsimperativen des Kapitalismus haben dazu geführt, dass wir geschlossenere Wesen geworden sind.

[zitiert nach dem Podcast „Hotel Matze“ mit kleinen Anpassungen zur Lesbarkeit]

Quelle: https://overcast.fm/+p2mnr5Wgs/28:09


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