Das neue UrhWissG Gesetz und die Schulbuchkopie

Mit Eric Steinhauer (Wikipedia) hab ich heute auf Twitter kurz über das neue Gesetz zum Urheberrecht in der Wissensgesellschaft (siehe BMJV) gesprochen.

Danke dafür! 🙂

Ausgangsspunkt war meine Frage, wie die Klärung bei der Schulbuchkopie ausfällt. Denn auf den ersten Blick wird diese untersagt…

Aber so einfach ist das nicht.

Zusammenfassung (ohne Anspruch auf Vollständigkeit – mit Fokus auf das Schulbuch):

  • Ab 01.03.2018 gilt das neue Urheberrecht.
  • Die bisherigen Regelungen zur ‚öffentlichen Zugänglichmachung‘ (§52a) und zur ‚Wiedergabe von Werken‘ (§52b) zusammen mit den Regelungen zur ‚Privatkopie‘ (§53 Abs. 3) laufen dann aus und finden ihre Entsprechung im neuen ‚Gesetz zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft‘ (§60a-h).
  • Für Privatperson ‚Lehrernder‘ ist der verbleibende §53 weiterhin relevant und erlaubt mir, im Rahmen der Regelungen Kopien vorzuhalten.
  • Für den unterrichtlichen Einsatz ist der neue §60a zentral:
    • Kopie von 15% eines Werkes sind möglich
    • Ebenso können einzelne Artikel oder ganze Werke von geringem Umfang sowie vergriffene Werke vervielfältigt werden
    • Aber: Ausgeschlossen von dieser Schrankenregelung werden in §60 Abs. 3 (2) alle Werke, die ausschließlich für Unterricht geeignet oder entsprechend gekennzeichnet sind (=Schulbücher und Arbeitshefte etc.)
  • Demnach wäre eine – auch nur auszugweise – Kopie aus einem Schulbuch für den Unterricht nicht mehr möglich.
    Aber: Auch im aktuell noch geltenden §53 Abs. 3 war geregelt, dass Werke für Unterrichtsgebrauch nur mit gesonderten Genehmigung des Rechteinhabers vervielfältig werden kann. Es wurde aber durch einen Vertrag mit der Verwertungsgesellschaft regegelt, dass es im begrenzten Rahmen doch möglich ist (→ schulbuchkopie.de)
  • Es ist daher (hoffentlich) absehbar, dass es auch für den neuen §60a einen Vertrag mit einer Verwertungsgesellschaft geben wird, der die auszugsweise Kopie von Schulbüchern von Lehrenden für den unterrichtlichen Gebrauch regelt (mit Verweis auf die Regelungen zur ‚erlaubten Nutzung‘ (§60g Abs. 1)) – entsprechend zu den Regelungen, die es auch aktuell gibt.

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Das Facebook Abitur?

Schule zieht ihre Legitimation auch und vor allem über die Vergabe der Zertifikate: Mittlere Reife und Abitur „braucht man“. Daher strengen sich SchülerInnen mit Recht an, um optimal durch die Schule zu kommen und einen möglichst guten Abschluss zu erreichen. Denn immerhin lautet das Versprechen: Wer ein gutes Abitur hat, bekommt später auch eine gut bezahlte Arbeit.

Das war alles richtig, wenn man Schule in ihrer Geschichte betrachtet und die Zeit der Industrialisierung als Maßstab zugrunde legt. Nur: Es tut sich aktuell einiges – und alte Glaubenssätze werden auf die Waage gelegt. Und dabei wird deutlich, dass das alles nicht mehr so einfach sein wird, wie man es über Generationen gewohnt war.

Es gibt heute kaum einen Ausbildungsplatz, bei dem nicht ein Assessment vorgeschaltet ist, und immer mehr Universitäten machen Eingangsprüfungen. Warum? Offenbar traut man dem schulischen Zertifikat alleine nicht mehr. Und vielleicht sogar zu recht. Es zählt doch mehr der persönliche Eindruck oder die Kompetenzen, die ein Mensch einbringen kann, als eine gute Note in einem Abitur, das vor allem mit Stift und Papier in Einzelarbeit erworben worden ist. Was sagt das schon über Kreativität und Teamgeist einer Person aus?

Vor ein paar Wochen habe ich auch mit Guido darüber im Podcast gesprochen. Kontext damals: „Die Tesla-isierung des Bildungssystems“ (kann hier nachgehört werden). Mein Fazit war, dass in dem Moment, wo die allgemeine Schulpflicht bröckelt, das Abitur mit möglichen anderen, schul-externen Zertifikaten in Konkurrenz steht, die von Unternehmen mit großer Marktmacht angeboten werden können: Microsoft, Google oder Amazon. (Dass externe Tests – wenngleich nicht von den genannten Unternehmen – auch heute schon eine Relevanz haben, sieht man zum Beispiel am TOEFL-Test, der oft eine Voraussetzung von englischsprachigen Kursen an Universitäten ist. Mit Glück hat man ihn parallel zur Schule erworben – sonst muss man nach der Schule Extraschichten fahren).

Johnny Häusler von Spreeblick hat einen wunderbaren Einwurf über die Situation des Bildungssystems verfasst:
Digitale Bildungspolitik: Der Staat kommt seinen Aufgaben nicht nach„.

Ihr habt Angst vor Werbung? Ha. Ha. Ha.

Werbung ist das, was eure Kinder täglich zweihundertmal auf YouTube oder in kostenlosen Games wegklicken und bei den Google-Suchergebnissen überspringen. Werbung. Pah.

Was Google, Facebook, Apple und sogar Netflix und wie sie alle heißen tatsächlich tun werden, ist keine Werbung. Sondern Bildung nach ihrer Fasson. Sie werden eigene Schulen bauen, mit eigenen Lehrplänen, eigener Software und eigenen Zielen. Und Eltern, die sich darum sorgen, dass ihr Nachwuchs den Anschluss an die echte Welt verliert und zu Beamten statt zu kreativen Köpfen erzogen wird, werden mit ihren Kindern in Scharen dorthin rennen. Wenn sie es sich leisten können.

Darin unter anderem auch der Link zu den Überlegungen von Facebook, wie eine Schule aussehen könnte: Inside Facebook´s plan to build a better school„.
(Auch Apple ist dabei – über das Engagement von Laura Powell Jobs und der Steve Jobs Schulen – zum Beispiel in den Niederlanden).

Wenn diese Konkurrenz einmal geöffnet ist, sieht es schlecht aus mit einem chronisch unterfinanzierten Bildungssystem der öffentlichen Hand. Und das ist nicht nur schade, sondern kann gefährlich werden. Weil „Schule“ in ihrer gesellschaftlich-kulturellen Funktion nicht nur Zertifikate verteilt, sondern Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich macht – über Klassen und Schichten hinweg.

Daher müssen wir uns die Fragen stellen: Welche Funktion hat Schule in einer Gesellschaft unter den Bedingungen der Digitalität? Was wollen wir mit ihr? Wollen wir „Schule“ noch? Und wenn ja: wie? Und vor allem: Was sind wir bereit dafür zu zahlen?

Es ist kein Experiment, das hier vorbereitet wird. Wenn wir uns als Gesellschaft und das System „Schule“ im Speziellen sich nicht vorbereiten, droht Gefahr, dass „Schule“ überrollt wird.

Unsere „Schule“ ist kein Naturgesetz. Sie ist eine gesellschaftliche Errungenschaft und in ihrer allgemeinen Verfügbarkeit in den westlichen Ländern vielleicht 150 Jahre alt. Nichts spricht dagegen, dass sie auch in dieser allgemeinen Form wieder verschwinden könnte, um elitären Formen von Bildung Platz zu machen. (Und ob OER da alleine etwas gegen halten kann? Mhh.)

Ich weiss nicht, ob wir es nicht bereuen würden.